Alkoholentzug-Medikamente

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Aktualisiert am: 04.01.2024
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Alkoholentzug-Medikamente: alles Wichtige in 30 sec.

  • Alkoholentzug-Medikamente dienen der Linderung von Nebenwirkungen sowie der Rückfallprophylaxe.
  • Die wirksamsten Medikamente für den Alkoholentzug sind verschreibungspflichtig und stehen nur für den begleiteten Entzug zur Verfügung.
  • Die Mittel dienen der Unterstützung bei körperlicher Entgiftung.
  • Häufige Arzneimittel in der Entgiftung sind Clomethiazol und Benzodiazepine.
  • Häufige Arzneimittel zur Rückfallprophylaxe sind Acamprosat, Naltrexon und Disulfiram. Diese haben kein Suchtpotential.
Inhalt

    Was versteht man unter Alkoholentzug-Medikamenten?

    Alkoholentzug-Medikamente lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Die erste Gruppe umfasst Arzneimittel, die während eines Entzug eingesetzt werden. Sie dienen der Linderung von Entzugserscheinungen körperlicher und psychischer Natur. Die zweite Gruppe hilft bei der Aufrechterhaltung der Abstinenz nach einem Entzug, indem sie beispielsweise das Suchtverlangen reduzieren. Beide Arten von Medikamenten werden beim Alkoholentzug ausschließlich bei ärztlicher Begleitung eingesetzt, da sie verschreibungspflichtig sind und nur im Rahmen einer Therapie angewandt werden dürfen.

    Wie können Medikamente den Alkoholentzug unterstützen?

    Alkoholentzug-Medikamente können Suchtkranke auf dem Weg aus der Alkoholabhängigkeit auf verschiedene Arten unterstützen.

    Alkoholentzug-Medikamente gegen Entzugserscheinungen – Alkohol ist als psychoaktive Substanz für seine Wirkung auf das zentrale Nervensystem bekannt. Liegt eine Abhängigkeit vor, kann dies beim Verzicht auf Alkohol umfassende körperliche und psychische Begleiterscheinungen mit sich bringen. Viele Alkoholentzug-Symptome zeigen sich bereits wenige Stunden, nachdem der Konsum im Rahmen eines Entzugs ausgesetzt wird. Medikamente können diese Entzugserscheinungen deutlich reduzieren. Das senkt den Leidensdruck für die Betroffenen während des Entzugs und hilft ihnen, die Behandlung erfolgreich durchzuführen.

    Medikamente zur Rückfallprophylaxe – Sobald die körperliche Alkoholentgiftung abgeschlossen ist, verschwinden die meisten physischen Beschwerden von allein. Oft bleibt danach aber ein hoher Suchtdruck zurück. Die Betroffenen verspüren noch immer ein intensives Verlangen danach, Alkohol zu trinken. Alkoholentzug-Medikamente können dieses Verlangen lindern und so ein wichtiger Bestandteil einer aktiven Rückfallprophylaxe sein.

    Medikamente zur Trinkmengenreduktion – In Ausnahmefällen werden Medikamente ohne Alkoholentzug verordnet. Das betrifft etwa den Wirkstoff Nalmefen. Dieser soll dabei helfen, die Trinkmenge zu reduzieren, indem die entsprechenden Tabletten bei Bedarf eingenommen werden1. Allerdings kommen solche Medikamente ohne Alkoholentzug nur in ganz bestimmten Szenarien sowie unter sehr strengen Voraussetzungen in Betracht.

    In welchem Rahmen kommen Medikamente beim Alkoholentzug zur Anwendung?

    Patienten, die sich von ihrem chronischen Alkoholkonsum lösen und dabei auf die Hilfe von Arzneimitteln zurückgreifen möchten, bekommen diese Unterstützung normalerweise nur im Rahmen einer professionellen Therapie. Sowohl bei ambulanten als auch bei stationären Entzugsprogrammen können verschiedene Wirkstoffe dabei helfen, die Behandlung zu erleichtern.

    Manche Arzneimittel, wie zum Beispiel Clomethiazol, werden jedoch normalerweise nur im stationären Setting eingesetzt, da der Wirkstoff ein eigenes Abhängigkeitspotenzial birgt2. Bei einem kalten Entzug ohne ärztliche Begleitung muss auf eine medikamentöse Unterstützung gänzlich verzichtet werden.

    Welche Substanzen werden bei einem Alkoholentzug eingesetzt?

    Wer eine Alkoholabhängigkeit bekämpfen und sich aus der Suchtspirale lösen möchte, fürchtet sich oft vor den möglichen Nebenwirkungen, den sogenannten Entzugserscheinungen oder Entzugssymptomen. Insbesondere für das stationären Setting gibt es allerdings Medikamente, die Symptome lindern und die Entgiftung erträglicher machen können. Zudem verhindern sie das Auftreten von potenziell lebensbedrohlichen Nebenwirkungen des Entzugs.

    Clomethiazol – Der Wirkstoff Clomethiazol wird häufig in Form von Distraneurin®-Tabletten verabreicht. Es handelt sich um ein Mittel, das sedierend, hypnotisch und antikonvulsiv wirkt, indem es den inhibitorischen Effekt von GABA und Glycin verstärkt3. In Verbindung mit Antipsychotika kann Clomethiazol auch bei Patienten mit Delir eingesetzt werden. Zu beachten ist allerdings, dass der Wirkstoff selbst ein signifikantes Abhängigkeitspotenzial birgt. Deshalb werden Kapseln mit dem Wirkstoff Clomethiazol normalerweise nicht bei einem ambulanten Entzug verabreicht und schon nach kurzer Zeit wieder ausgeschlichen.

    Benzodiazepine – Benzodiazepine sind eine Arzneimittelgruppe, die in erster Linie für ihre sedierenden Effekte bekannt sind. Als Tabletten für den Alkoholentzug kommen sie sowohl zur Linderung von allgemeinen Entzugssymptomen in Betracht, können aber auch das Risiko für Delirien und Krampfanfälle minimieren. Aktuelle Studien zeigen, dass beispielsweise Oxazepam, verglichen mit Clomethiazol, gleich wirksam ist, allerdings ein besseres Nebenwirkungsprofil aufweist4. Nichtsdestotrotz bergen auch Benzodiazepine selbst ein Suchtpotenzial, weshalb sie nur streng kontrolliert und zeitlich begrenzt eingesetzt werden sollten.

    Weitere Medikamente im Alkoholentzug – Es existiert eine Reihe weiterer Arzneimittel, die für den Alkoholentzug zur Verfügung stehen. Welche von ihnen wann zum Einsatz kommen, hängt davon ab, wie schwer die Entzugserscheinungen sind, unter denen der Patient leidet. Die meisten Medikamente sind ausschließlich der Behandlung im stationären Setting vorbehalten. Dazu gehören

    • Antipsychotika: zum Beispiel Haloperidol bei Wahnvorstellungen
    • Antikonvulsiva: zum Beispiel Carbamazepin bei Krampfanfällen
    • Beta-Blocker: zum Beispiel Propranolol bei erhöhtem Sympathikotonus
    • Clonidin: bei erhöhtem Sympathikotonus
    • Tiaprid: bei vegetativen Symptomen (in Kombination mit Carbamazepin)

    Bei vielen Patienten, die bei einer Abhängigkeit von Alkohol Medikamente im Entzug nutzen, besteht anschließend das Problem einer Suchtverschiebung, wenn sie während der Behandlung Wirkstoffe einnehmen, die ebenfalls ein Abhängigkeitspotenzial bergen (zum Beispiel Benzodiazepine). Durch die Kombination von Tiaprid und Antikonvulsiva kann dem vorgebeugt werden, bei individuell gleichermaßen positiven Ergebnissen5.

    Welche Medikamente gibt es nach einem Alkoholentzug?

    Medikamente im Alkoholentzug sollen in erster Linie vor schweren Nebenwirkungen infolge der Beendigung des Alkoholkonsums bewahren. Arzneimittel, die nach der Entgiftung eingesetzt werden, dienen dagegen der Aufrechterhaltung der Abstinenz. Sie können im Rahmen der aktiven Rückfallprophylaxe zum Beispiel das Suchtverlangen reduzieren. Fakt ist: Als alleinige Mittel zur Beendigung einer Alkoholsucht sind sie nicht geeignet. Eine kontrollierte körperliche Entgiftung sowie eine umfassende Psychotherapie sind immer erforderlich.

    Disulfiram – Disulfiram ist ein Wirkstoff, der bereits seit Jahren in der Behandlung von alkoholabhängigen Patienten bewährt ist. Die Wirkung basiert auf der erzeugten Disulfiram-Alkohol-Reaktion, die auftritt, wenn Disulfiram zusammen mit Alkohol eingenommen wird, dazu gehören u. a. Übelkeit, Erbrechen und Schweißausbrüche6. Diese unangenehmen Begleiterscheinungen sollen dafür sorgen, dass auf Alkohol verzichtet wird. Wirksam ist es in einem eng supervidierten Setting, also mit mehrmals wöchentlichen Gesprächsterminen. In Deutschland wird das Medikament Disulfiram (Antabus®) aus wirtschaftlichen Gründen seit einigen Jahren nicht mehr produziert. In Österreich wird es aber weiterhin hergestellt.

    Acamprosat – Acamprosat ist ein Wirkstoff, der für einen verringerten Kalziumeinstrom in den Nervenzellen sorgt und das Glutamatsystem herunterreguliert. Dadurch wird das Craving, das starke Verlangen, Alkohol zu trinken, welches eines der größten Rückfallrisiken nach einem Entzug ist, deutlich reduziert7.

    Nalmefen – Nalmefen ist ein Opioidantagonist, der vorrangig zur Trinkmengenreduktion eingesetzt wird. Er kommt daher vor allem für Patienten in Frage, die weniger Alkohol trinken möchten und bei denen die Reduktion des Alkoholkonsums keine schweren Nebenwirkungen erwarten lässt. In der Praxis hat sich die Wirkung vor allem bei Patienten bewährt, die eine professionelle Therapie planen, aber noch auf einen Platz für die Behandlung warten müssen.

    Naltrexon – Naltrexon (ReVia®) ist ein Opioidantagonist, der bereits seit den 1990er Jahren in Österreich zur Behandlung von Patienten mit Alkoholabhängigkeit zugelassen ist. Das Anti-Craving-Medikament reduziert die typischerweise mit Alkohol verbundenen Effekte einer Endorphinausschüttung auf das Belohnungssystem. Dadurch sinkt das Risiko, dass Betroffene nach einem einzelnen Abstinenzbruch wieder mit dem süchtigen Trinken beginnen. Naltrexon wird im Anschluss an einen ambulanten bzw. stationären Entzug verschrieben. Eine Begleitung im Rahmen einer Psychotherapie ist zusätzlich sinnvoll8.

    Medikamente bei kaltem Alkoholentzug

    Aus Angst vor Stigmatisierung versuchen viele Alkoholiker, ohne Therapie mit dem Trinken aufzuhören. Das kann lebensgefährlich werden, denn epileptische Anfälle im Rahmen eines Delirs können unbehandelt zum Tode führen. Insbesondere bei schweren Alkoholikern ist daher unbedingt von einem kalten Entzug abzusehen. Und auch von einer Selbstmedikation kann nur abgeraten werden. Vorsicht ist deshalb bei Anbietern im Netz geboten, die rezeptpflichtige Medikamente mit Wirkstoffen wie Acamprosat frei, auch ohne Rezept, verkaufen. Der Erwerb solcher Arzneimittel ist nicht nur aus juristischer Sicht bedenklich, sondern auch hochriskant.

    Vorsicht bei rezeptfreien Medikamenten

    Immer mehr Anbieter werben mit einer garantiert nebenwirkungsfreien medikamentösen Behandlung der Alkoholabhängigkeit mithilfe von rezeptfreien „Medikamenten“. Oft handelt es sich hierbei jedoch nicht um tatsächliche Arzneimittel mit kontrollierten und in Studien bewährten Wirkstoffen, sondern lediglich um Nahrungsergänzungsmittel. Solche haben meist keine messbaren Effekte und können Nebenwirkungen entsprechend nicht lindern. Manche haben sogar einen negativen Effekt, weil Suchtpatienten glauben, sie bräuchten nun keine Behandlung in einem professionellen Setting mehr. Schlimmstenfalls drohen, aufgrund nicht adäquat behandelter Nebenwirkungen des abrupten Alkoholentzugs, schwerwiegende Komplikationen.

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      Quellenangaben

      1 Ujeyl, Mariam „Nalmefen zur Reduktion des Alkoholkonsums bei Alkoholabhängigkeit“, Arzneiverordnung in der Praxis, Ausgabe 4/2015, Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wissenschaftlicher Fachausschuss der Bundesärztekammer, https://www.akdae.de/arzneimitteltherapie/arzneiverordnung-in-der-praxis/ausgaben-archiv/ausgaben-ab-2015/ausgabe/artikel/2015/2015-04/nalmefen-zur-reduktion-des-alkoholkonsums-bei-alkoholabhangigkeit (Datum des Zugriffs: 19.06.2023)

      2 Bühren, Astrid et al. „Medikamente – schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit. Leitfaden für die ärztliche Praxis“, Herausgegeben von der Bundesärztekammer in Zusammenarbeit mit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, 2007, Deutscher Ärzte-Verlag GmbH, Köln, S. 25, https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/_old-files/downloads/LeitfadenMedAbhaengigkeit.pdf(Datum des Zugriffs: 19.06.2023)

      3 Rafehi, Sarah „Trocken werden. Empfehlungen zum Umgang mit Alkoholproblemen“, In: DAZ.Online, DAZ 14/2021, https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2021/daz-14-2021/trocken-werden (Datum des Zugriffs: 19.06.2023)

      4 Holzbach, Rüdiger et al. „Vergleich von Clomethiazol und Oxazepam im Alkoholentzug“, In: SUCHT (2022), 68, pp. 313-321, https://doi.org/10.1024/0939-5911/a000788https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1024/0939-5911/a000788(Datum des Zugriffs: 19.06.2023)

      5 Jonasch, K. et al. „Behandlung des Alkoholentzugs mit Tiaprid (tiapridex®) vs. Clomethiazol (Distraneurin®)“, In: Krankenhauspsychiatrie 2004, 15(3): 114-116, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York, DOI: 10.1055/s-2004-818543, https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-2004-818543 (Datum des Zugriffs: 19.06.2023)

      6 Soyka, M., Rösner, S. Pharmakotherapie der Alkoholentwöhnung: Update und neue Entwicklungen. Nervenarzt 92, 57–65 (2021). https://doi.org/10.1007/s00115-020-00954-5https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-020-00954-5 (Datum des Zugriffs: 19.06.2023)

      7 ebd.

      Krumpl, Günther „Neue Hoffnung für Alkoholkranke (ORF-Bericht ZIB 2, 19.12.97), OTS, https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_19971223_OTS0150/neue-hoffnung-fuer-alkoholkranke-orf-bericht-zib-2-181297 (Datum des Zugriffs: 19.06.2023)

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